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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 LA PALMA FORUM
zauberin60 ( gelöscht )
Beiträge:

24.12.2007 19:44
RE: Bonner unterwegs antworten

"Brücken in die Welt"

Seit 1984 schlägt der General-Anzeiger in seinen Weihnachtsausgaben mit einer Sonderbeilage "Brücken in die Welt" – zu Menschen, die es, aus welchen Gründen auch immer, aus Bonn und der Region in alle Welt verschlagen hat. Deren Berichte und Fotos aus allen Kontinenten vermitteln den "Daheimgebliebenen" einen lebendigen Eindruck davon, wie es sich im Ausland lebt und wie man dort mit dem Heimweh nach der alten Heimat umgeht.





"Mañana" ist das zweite Hauptwort


Spanien: Mit zwei Koffern und zwei Katzen auf die Insel La Palma ausgewandert

Von Renate Kropf & Hendrik Hösel
Wir sitzen am Playa Nueva, einem langen Strand im Süden von La Palma, nicht weit entfernt von Puerto Naos, dem Haupttouristenort auf dieser kleinen, grünen Lavainsel - "La Isla Verde" - mitten im Atlantik, fast 3 600 Kilometer von der Heimat entfernt.

Eigentlich heißt die Insel auch "La Isla Bonita", die Schöne, oder nach einem Spanier "Isla de San Miguel", was uns am besten gefällt. Wir essen "Chipirones", kleine Tintenfische mit Papas Arugadas, kleine Schrumpelkartoffeln in Salz gekocht mit Mojo Verde, eine grüne Paprikasauce mit viel Knoblauch.

Wir blicken auf den überwältigenden Sonnenuntergang - das Spiel der Wolken und erinnern uns: Bonn, unsere alte Heimat, in der wir 27 Jahre lebten, verließen wir 1987, um aus beruflichen Gründen nach Wetzlar zu ziehen. In Bonn leben unsere Tochter und Schwiegersohn mit ihrem sieben Jahre alten Finn, der auf La Palma sprechen, gehen und schwimmen lernte.

Wie kam es also, dass es uns auf die drittkleinste Insel der Kanaren verschlagen hat? 1999 war ein entscheidendes Jahr in unserem Leben - es sollte sich einiges verändern. Der berufliche Ausstieg aus gesundheitlichen Gründen bestimmte unsere Neuorientierung und die weiteren Planungen. Ende des Jahres flogen wir zum dritten Mal nach La Palma, um uns dort umzuschauen, im Hinterkopf der Gedanke, dort ein Haus zu kaufen.

In Tinizara, auf der Nord-West-Seite wurden wir fündig und kauften kurz entschlossen auf 900 Meter Höhe eine kleine Finca. Am 26. Januar 2000 war es dann soweit, vieles verkauft oder verschenkt, der Flug gebucht. Zwei Koffer waren dabei und unsere zwei Katzen. Der Rest sollte im Container Ende Februar auf der Insel sein. Wir bezogen unser neues Domizil mit zwei Stühlen, einem kleinen Campinggaskocher und einem geliehenen Bett.

Mit dem Strom war's leider nicht so wie gedacht, nämlich nur Solarbetrieb, gerade ausreichend für ein kleines Radio. Ähnlich war's mit dem Wasser, weder warm noch fließend, eher tröpfelnd und kalt. Reparaturen, Aus- und Umbauten hielten uns in Atem bis Ende des Jahres. Der Container mit dem Umzugsgut kam dann endlich Ende April - mit Nachbarschaftshilfe in kleinen Wagen zwei Kilometer transportiert, da die Straße für den Container zu eng war - jetzt konnte das Aussteigerleben richtig beginnen!

Weit gefehlt, je länger wir wohnten, desto mehr Mängel traten am Haus zutage und raubten uns fast die Kräfte. Tja, damals (und bis heute noch) war der Standard (in fast allem) auf La Palma noch Lichtjahre entfernt vom deutschen Niveau. Das erste Jahr waren wir also beschäftigt mit der Installation von Strom für das Haus, einer Pumpe für den Wasserdruck, der Installation einer Küche, da bisher weder Herd, Spüle, Kühlschrank, et cetera vorhanden waren.

Überhaupt zum Thema "Agua" = Wasser: Entweder man bezieht Wasser (dann meist gechlort) von der Stadt, oder man kauft ein so genanntes "Wasserrecht" (oder Teile davon) von den zahlreichen Wassergalerien der "Minaderos", die dann circa 1,5 Liter pro Minute Durchlauf ergeben. Monatliche Gebühr zur Zeit fünf Euro - eigene Wartung inklusive. Das Wasserrecht ist eine typische palmerische Erfindung und führt zwangsweise zu den merkwürdigsten Auswüchsen: Wasser abzweigen, teilen, illegal Rohre anschließen oder schlicht vom Nachbarn klauen. Dafür gilt es nach dem Kauf einer "Wasseraktie" lebenslang und kann sogar vererbt werden.

Eine weitere palmerische Besonderheit ist der Kauf eines Hauses. Abgesehen davon, dass sich die Preise in den vergangene fünf Jahren praktisch verdreifacht haben (natürlich in Euro, gegenüber dem damaligen Pesetenpreis) beteuert jeder Verkäufer, dass alle kaufrelevanten Unterlagen vorhanden seien.

Weit gefehlt, denn jahrzehntelang war es gängige Praxis, einen so genannten Privatvertrag abzuschließen mit der heutigen Konsequenz, dass die Grundstücksgrenzen variabel, das heißt fließend sind, ein Katastereintrag fehlt und damit eine "Escritura" - Grundbucheintrag - nur mit erheblichem Aufwand möglich ist.

So arbeiten vom Verkäufer, Makler, Notar und Behörden alle Hand in Hand, und jeder kassiert sein Schärflein. Bei entsprechendem Durchstehvermögen kann man dann nach circa eineinhalb Jahren endlich alle erforderlichen Papiere zusammenhaben, wobei die Grundstücksgrenze und -größe meist unterschiedlich ausfällt. "Tranquilo" (ganz, ganz ruhig, bleib relaxed) ist das Schlagwort, das hier das tägliche Leben bestimmt, sei es bei Behörden, bei Hausarbeiten, beim Autofahren, beim Einkauf vor der Kasse et cetera.

"Mañana" ist das zweite Hauptwort - Morgen! - womit meist eine unbestimmte längere Wartezeit auf irgendetwas Dringendes verbunden ist. Dies sind die wichtigsten Grundregeln, die der neue Zuwanderer zu berücksichtigen hat. Kommen beide Grundbegriffe/-regeln zusammen, kann man sich auf eine Wartezeit von einer Woche gefasst machen.

Nun ein Blick auf einige Besonderheiten im täglichen Leben auf La Palma: Die Insel des "ewigen Frühlings" - La Isla Verde - muss man im wörtlichen Sinne verstehen. Frühling heißt hier - wie auch in Deutschland - Sonne, Wärme, Regen, Stürme und Kälte, Schnee und Gewitter. (Und davon zwischen Januar bis Dezember reichlich!)

Dazu kommt eine typische kanarische Eigenart "Calima", ein meist heißer und staubiger Wind aus der Sahara. Das Klima spiegelt einen Kontinent im Kleinsten wider, das heißt es kann alles zu gleichen Zeit überall auf der Insel auftreten. Zum Beispiel mittags Sonne und 22 Grad Celsius in Puerto de Tazacorte und Badefreuden, Sturm und Regen mit 10 Grad in Puntagorda auf der Nordwest-Seite, Schnee auf dem Roque de Los Muchachos in 2 426 Meter Höhe und Calima mit Hitze und Staub auf der Ostseite in Santa de la Cruz.

Wie überhaupt das Wetter hier in den vergangenen zwei Jahren deutlich schlechter geworden ist, wesentlich mehr Schnee, sogar den weltweit ersten "Hurrican Delta" auf dem Atlantik haben wir im November 2005 erlebt. Er vernichtete 50 Prozent der Ernte, und die Insel wurde strommäßig für einen Tag komplett lahm gelegt. Schlimmer noch erwischte es Teneriffa, wo 60 Prozent der Insel sechs Tage lang ohne Strom war.

Münsterlandverhältnisse auf den Kanaren! Die Regel, alle 100 Meter Höhe gleich 1 Grad Celsius Temperaturunterschied, gilt hier ganz extrem. Fahren wir von uns aus 900 Meter Höhe bei zwölf Grad Celsius ans Meer nach Puerto de Tazacorte, gibt's Badefreuden bei 22 Grad und zurück das vorige. Das steht natürlich in keinem Reiseprospekt. Eine Besonderheit hier ist die UVA/B-Einstrahlung der Sonne, bedingt durch die Nähe zum Äquator.

Alles was sich außen befindet, leidet mehr oder weniger bis zur kompletten Zerstörung, so Kabel, Abdeckungen, Sonnenschirme und Stühle, überhaupt Plastik und Kunststoffmaterialien lösen sich nach zwei Jahren auf. Dies ist ein ernstzunehmendes Problem, das in Deutschland kaum auftritt.

Für Esotheriker und Wunderheiler ist La Palma ein wahres Dorado, besonders für selbsternannte Experten aller Couleur. Viele, vor allem Deutsche, sind in einem esotherischen Kreis. Aloe-Vera-Produkte, kolloidales Silber und ayuvedische Mittel und Techniken erleben einen regelrechten Boom und beheben alle Zipperlein von Geist und Körper. Niembaumsamen-Öl hilft im Garten gegen alles Unerwünschte, was kreucht und fleucht.

Wundersteine laben die Seele, Trost in allen Lebenslagen geben meditative Zirkel, insbesondere bei Lebenskrisen und Partnerproblemen, die bei den Auswanderern aus Deutschland besonders stark ausgeprägt sind. Vielleicht sind es die vulkanischen Einflüsse der Insel - ja sogar ein so genannter Plutoniumkern in der Caldera soll verantwortlich für diese negativen Einflüsse sein - es heißt, dass La Palma die höchste Selbstmordrate und Scheidungsrate in Europa haben soll.

Die typisch kanarische Küche besteht aus Gofio mit Speck (einem Maismehl), Papas in verschiedenen Varianten (Kartoffeln) und einer deftigen Portion Fleisch, meist Schwein, Rind, Kaninchen oder auch Zicklein.

Wer Glück hat, erwischt auch Fisch von hier, da fast leergefischt, gezüchtete Dorade, Alfonsino oder Merluzza. Dazu gehören Weißbrot, Mojo Verde oder Mojo Rojo und Gemüse meist aus dem Selbstanbau. Natürlich dürfen wir die Nationalpflanze - die Banane (Platanos) - hier nicht vergessen, die hoch subventioniert nur nach Peninsula (Spanien) exportiert wird. (1 Kilogramm verbraucht 480 Liter Wasser und bedeckt in der Bananenanbaufläche fast zehn Prozent der Insel, meist sehr schön unter Plastikfolien verpackt.)

Wer Urlaub macht, wird mit dem kulinarischen Angebot durchaus zufrieden sei, es sei denn, man lebt hier länger. Da freut man sich schon mal auf ein Weißwurstfrühstück mit Laugenbrezel in Puerto Naos, von einem deutschen Metzger nach original Münchener Rezept hergestellt.

Gambas in allen Namens- und sonstigen Varianten zählen auch zu den Highlights, wenn auch die Mehrzahl mangels Überfischung aus Thailand beziehungsweise China kommt. Schauen wir aus unserer Küche - einem überdachten Wintergarten - nach draußen, blüht das ganze Jahr über irgendetwas grün und bunt.

Die Nachbarschaftshilfe, insbesondere seitens der Palmeros ist in Deutschland fast unbekannt, wie überhaupt die Hilfsbereitschaft der Palmeros. Eine einfache Frage nach dem Weg artete nicht selten manchmal zur Lebensgeschichte des Befragten aus. Da hilft nur das Erlernen des einheimischen Dialektes, der vom spanischen so weit entfernt ist wie Oberbayern vom Kölner Karneval.

Kriminalität und Drogenprobleme sind im Gegensatz zu Teneriffa und Gran Canaria praktisch unbekannt, wenn sich auch in jüngster Vergangenheit solches häuft. Das unglaubliche Grün der Insel, vor allem auf der West- und Nordseite, erstaunt immer wieder. Das Licht, besonders nach Regen, hat eine ganz eigene Klarheit und Transparenz, wenn es sich durch die endemischen, übrigens feuerresistenten Pinienwälder bricht.

Gerade für mich als Geograf und Fotograf ein immer wieder unvergessliches Erlebnis! Mittlerweile hervorragend ausgeschilderte Wanderwege verführen zu einem stundenlangen Erlebnis, quasi einer meditativen Selbstfindung mit der Natur, ohne dass man ein Lebewesen trifft - es sei denn ein Karnickel oder eine Eidechse kreuzt den Weg...

Die wenigen, oftmals nicht leicht zu erreichenden Naturstrände sind ein einzigartiges Erlebnis, umgeben von Lava und mit grauschwarzem Sand bedeckt. Obacht walten sollte man vor dem Atlantik, durchaus tückisch und unberechenbar, der sehr gefährlich werden kann und dies innerhalb weniger Minuten, wenn plötzlich unerwartet hohe Brecher kommen sowie unterseeische Strömungen einen Schwimmer leicht vom nahen Rand wegreißen können. Alles was das Leben hier so lebenswert macht, ist die gewisse Ruhe und Gelassenheit des Täglichen, zu dem man sich aber erziehen muss und sollte, erst dann wird der Blick klarer für verborgene Schönheiten, die nicht offensichtlich sind.

Der einzigartige Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel mit der Pracht der Milchstraße in unbekannter Klarheit, die unglaubliche Vielfalt der Wolkenformationen, der ständige unberechenbare Wechsel des Wetters und die Sonnenuntergänge auf der Westseite könnten viele Dokumentarfilme füllen...

Letztlich sind es die vielen kleinen (und großen) Dinge, die das Leben auf unserer kleinen Insel so lebens- und liebenswert machen. Bis heute haben wir unseren Schritt nicht bereut, wo sonst kann man immer auf den Ozean schauen und auf einen der höchsten Berge Spaniens wandern oder einen der größten Vulkankrater der Welt erkunden.

Wir wissen aber auch, man nimmt immer alle hausgemachten Probleme mit in die Ferne, sich davon zu lösen fällt nicht leicht.

Ein Tipp für Auswanderer: Setzt euch ins Auto und fahrt durch Frankreich nach Südspanien - Cadiz - und nehmt dort die Fähre nach La Palma. Mietet euch für ein bis zwei Jahre ein und sucht dann ein Domizil nicht höher als 700 Meter, weil dort die Klimaunterschiede so extrem sind. Viele Grüße nach Bonn!


Quelle: Generalanzeiger Bonn

Barbara GC ( gelöscht )
Beiträge:

24.12.2007 21:14
#2 RE: Bonner unterwegs antworten

hi, Jutta ,der Bericht ist lang, lese ich morgen, da hab ich mehr Zeit

Gruß
Barbara

zauberin60 ( gelöscht )
Beiträge:

24.12.2007 23:01
#3 RE: Bonner unterwegs antworten

laß Dir Zeit.....mañana

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